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< Ungenutzte Potenziale 55 plus

Fit für die Zukunft?

„Arbeit ist es, Probleme zu lösen“, schreibt der Wirtschaftsjournalist und Experte für langfristige Konjunkturentwicklungen Eric Händeler: „Und weil wir immer Probleme haben werden, wird uns die bezahlte Arbeit auch nicht ausgehen.“  

Der Wohlstand der Zukunft hänge aber vor allem davon ab, wie gut die Menschen zusammenarbeiten, so der Zukunftsforscher. „Dazu gehört das Wissen, wie man Wissen zusammenführt, für welches Ziel man arbeitet und wie man effizient mit Informationen umgeht.“ Und das alles unter den Vorzeichen einer globalisierten Welt.
Arbeit sei immateriell geworden – „planen, organisieren, beraten, Probleme lösen“
– und benötige darum neue Strukturen. Im Ablauf sei mal der eine, mal der andere wichtig.

Hierarchien würden dadurch aufgeweicht, und so müssten wir uns von unserer Statusorientierung mehr und mehr verabschieden. Auch unser Arbeitsstil müsse sich verändern, mahnt er an, damit wir möglichst lange arbeitsfähig bleiben: „Wir können es uns nicht mehr leisten, Menschen mit 55 in die Frühverrentung zu schicken.“

Doch nun mal der Reihe nach: Unsere Arbeitswelt wird sich in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren entscheidend verändern. Darin zumindest sind sich die Fachleute einig. Dass alte Berufe aussterben, ist dabei noch das geringste Problem. Denn viele neue werden entstehen. Doch wird es gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Entwicklungen geben, die zu grundlegenden Umwälzungen in unserer Erwerbstätigkeit führen, so die Forscher.  

Allen voran die Globalisierung der Wirtschaft. Unsere Arbeit im und für Unternehmen wird sich dabei zunehmend vom Standort des Unternehmens entkoppeln. Auch dank der (Weiter-)Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Für 2030 erwarten die Experten eine voranschreitende Spezialisierung und internationale Arbeitsteilung: „Ob Stellen in Deutschland geschaffen oder aber ins Ausland verlagert werden, hängt maßgeblich von der Wissens- und Kompetenzintensität ab. Es werden überwiegend Arbeitsplätze mit geringerer Qualifikation verlagert und gleichzeitig insbesondere Arbeitsplätze mit höherer Qualifikation geschaffen“, resümiert eine aktuelle Studie der Robert-Bosch-Stiftung.

Weniger und ältere Erwerbstätige
Parallel stellt der demografische Wandel Deutschland vor große Herausforderungen: Ein Anstieg der Geburtenrate ist nicht zu erwarten, eher ein Stagnieren auf niedrigem Niveau. Zugleich steigt die Lebenserwartung an. In der Konsequenz müssen Erwerbstätige länger arbeiten; damit rückt das Thema Arbeit und Gesundheit in den Fokus.

Auch Bildung wird zu einem zentralen Thema. Bildungssysteme müssen neuen Ansprüchen gerecht werden: Sie müssen alle einbinden, die in Deutschland leben, egal welcher (sozialen) Herkunft. Und sie müssen neben einem guten Bildungsstandard, einer „Grundbildung“ also, auch lebenslanges Lernen ermöglichen.
Das Bildungsniveau und die Qualifikation von Frauen, auch da sind sich die Experten einig, wird künftig noch weiter ansteigen. Doch dieses weibliche Potenzial muss auch „nutzbar“ gemacht werden. Nicht nur in den Angeboten der Kinderbetreuung hinkt Deutschland anderen Ländern jedoch weiter hinterher.

Neben der Qualifikation müssen auch Motivation noch mehr in den Fokus von Unternehmen rücken, denn die sogenannten „Digital Natives“ (heute unter 35) werden die Arbeitswelt 2030 entscheidend prägen. Sie suchen Respekt, Spaß und Sinnhaftigkeit, haben hohes Interesse an persönlicher Weiterentwicklung, sind aber nur mäßig loyal, was ihre Arbeitgeber betrifft. Und ihr Sicherheitsbedürfnis ist weit weniger ausgeprägt als das früherer Erwerbsgenerationen. 

Zielerreichung statt Hierarchieeinhaltung
20 Jahre in einem Betrieb. 40-Stunden-Woche. 28 Tage Urlaub im Jahr und zu Weihnachten eine Weihnachtsgratifikation. Dieses Modell wird es in 15 Jahren vielleicht noch geben. Doch für sehr gut ausgebildete Fachkräfte wird es wenig attraktiv sein. Denn Spezialisten sind in der Zukunft gefragt und werden ihr Wissen in verschiedene Projektteams und letztlich auch in verschiedene Unternehmen einbringen. Das verändert Hierarchien: Wer sich in seiner Wissensnische besser auskennt als alle anderen, darf dem Chef fachlich auch widersprechen. „Und wenn sie mit Gleichrangigen um die bessere Lösung ringen, muss der Chef für eine faire Auseinandersetzung sorgen“, so der Wirtschaftswissenschaftler, Zukunftsforscher, und Bestseller-Autor Eric Händeler.

Weil Arbeitsverhältnisse kürzer und lockerer werden, haben zudem diejenigen Spezialisten die Nase vorn, die nicht nur viel in ihrem Teilbereich wissen, sondern sich und ihr Wissen auch besonders gut vermarkten können. „Zurückhaltung war einmal. Wer sich gut in Szene setzen kann, setzt sich durch“, schreibt die Wirtschaftswissenschaftlerin Sibylle Haas dazu in der Süddeutschen Zeitung.

Die Kehrseite der neuen, schönen Arbeitswelt: Diejenigen, die schlechter qualifiziert sind oder denen die Eigenvermarktung weniger gut gelingt, bleiben nicht selten in schlecht bezahlten Jobs hängen und müssen in unsicheren Zeiten immer wieder um ihre Existenz fürchten. Die neue Elite indes freut sich über den Zugewinn an Flexibilität und die Möglichkeit, den Arbeitsalltag frei zu gestalten oder ein Sabbatjahr einzuschieben, um sich persönlich weiterzubilden. Die begehrten Fachkräfte sind gegenüber Arbeit- bzw. Auftraggebern in einer ausgezeichneten Verhandlungsposition.

Neue Formen der Zusammenarbeit fordern in Zukunft aber nicht nur mehr Flexibilität, sondern auch einen hohen Grad an Mobilität. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen zusehends. Das birgt Chancen, aber auch Risiken. Gerade vor dem Hintergrund, dass wir deutlich später in Rente gehen werden als noch unsere Eltern, werden wir alles dafür tun müssen, uns so lange wie möglich fit und leistungsfähig zu erhalten und nicht frühzeitig auszubrennen. 

Fit für die Zukunft
Mit dieser Erkenntnis sind wir letztlich schon mittendrin in der Beantwortung unserer eingangs gestellten Frage: Wie machen wir uns und unsere Kinder fit für diese Zukunft?
Das vorneweg: Angst und Widerstand bringen uns nicht weiter. Die Arbeitswelt wird sich auch nicht von heute auf morgen, sondern in Schritten und längeren Prozessen verändern. Das gibt uns die Gelegenheit, uns langsam an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

In ihrer Studie zur Zukunft der Arbeitswelt richtet die Kommission der Robert-Bosch-Stiftung einige interessante Handlungsempfehlungen an Unternehmen, aber auch an die Beschäftigten selbst.
„Flexicurity“ heißt ein Zauberwort: Demnach sollte bei aller gebotenen Flexibilität, die die künftige Arbeitswelt einfordert, „das Bedürfnis der Beschäftigten nach Sicherheit und Stabilität nicht aus den Augen verloren“ werden. 
Als Herausforderung betrachten die Experten auch die organisatorischen Strukturen. Hier müssten Hierarchie-, Matrix- und Netzwerkorganisation gleichbedeutend nebeneinander stehen – „auch innerhalb eines Betriebs“.

Stärken und Talente im Mittelpunkt
Die für die Studie verantwortlichen Experten rücken auch Stärken und Talente des einzelnen Beschäftigten in den Mittelpunkt: Nur wenn diese bei der Führung und Personalentwicklung entdeckt und entwickelt würden, „ist eine Lebensarbeitszeit von 45 Jahren möglich und eine Motivation langfristig aufrechtzuerhalten“. Wollen sich Unternehmen an den Stärken ihrer Mitarbeiter orientieren, bedeutet das aber auch, dass Personalführung und -entwicklung individualisiert werden müssen. Allgemeine Erfolgsrezepte gibt es dann nicht – der Einzelne rückt ins Blickfeld.

Wissen fließt künftig nicht mehr zwangsläufig von oben nach unten, sondern explizit auch von unten nach oben. Einen guten Chef zeichnet darum nicht aus, dass er alles weiß, sondern vielmehr, dass er weiß, wer was wissen kann, und die Bereitstellung der Ressourcen, mit denen die Experten eine Aufgabe gut bewältigen können. 

Genau analysieren müssen Unternehmen schon heute, wie sie Beschäftigung künftig noch stärker an das Alter ihrer Mitarbeiter und an die entsprechenden Bedürfnisse anpassen können, etwa durch flexible Beschäftigungsmodelle und Altersteilzeit etc.
„Privatleben war gestern: So arbeiten wir 2030“ titelte die BILD-Zeitung nach Erscheinen der Studie. Kann sein, dass wir Chefs zukünftig noch mehr zur Verfügung stehen müssen. Zeitweise zumindest.

Fakt ist aber auch: Wer gut qualifiziert ist, sich konsequent weiterbildet und wer sich und sein Wissen gut verkaufen kann, kann der Arbeitswelt von morgen einigermaßen gelassen entgegenblicken. Beruf, Familie und Freizeit wird er künftig wohl leichter verknüpfen können, auch wenn die beruflichen Herausforderungen zunehmen werden.


5 Empfehlungen für Arbeitgeber:

  • Analysieren Sie die Stärken ihrer Mitarbeiter und versuchen Sie, diese noch individueller zu fördern.
  • Entwickeln Sie Beschäftigungsmodelle, die die längere Lebensarbeitszeit ihrer Mitarbeiter berücksichtigt.
  • Stiften Sie Sinn in der Arbeit und entwickeln Sie Ziele, die Ihre Mitarbeiter wirklich motivieren.
  • Verabschieden Sie sich von allzu starren Hierarchien. In effizienten Projektgruppen mit zum Teil externen Experten wird auf Augenhöhe und mit Respekt gearbeitet.
  • Verankern Sie die Gesunderhaltung Ihrer Mitarbeiter als Unternehmensziel und machen Sie diesen konkrete Angebote.

 
5 Empfehlungen für Beschäftigte

  • Verabschieden Sie sich von Hierarchie- und Statusdenken. Die Zukunft gehört denen, die spannende Projekte realisieren.
  • Loten Sie Ihre Talente aus. Experten glauben:  Nur Stärkenorientierung ermöglicht uns ein langes, gesundes, motiviertes Arbeitsleben.
  • Spezialisieren Sie sich: Die Zukunft gehört nicht den Generalisten, sondern denen, die sich in ein Thema sehr genau eingearbeitet haben.
  • Begreifen Sie Veränderungen als Chancen: Experten sind in Zukunft gefragter denn je, bleiben Sie am Ball!
  • Zurückhaltung adieu: Rücken Sie sich, Ihr Wissen, Ihre Leistung ins rechte Licht!
Dateien:
Fit_für_die_Zukunft.pdf190 K

27.10.2015

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